Es ist fürwahr ein Paukenschlag! Exodus, die älteste (und lauteste) US-Organisationen, die sei 37 Jahren homosexuellen Menschen Hilfe und „Heilung“ anbot, gab diese Woche ihre Selbstauflösung bekannt. Und nicht nur das: Sie entschuldigte sich ausdrücklich für alles Leid, das sie Menschen aus der LGBT-Gemeinschaft angetan habe. Die Begründung: Egal ob schwul oder hetero – wir seien alle Sünder vor Gott und unsere Aufgabe sei es nicht, den Menschen ihre Sünden vorzuhalten, sondern Zeugen der Liebe Gottes zu sein.
Als Alan Chambers, seit 12 Jahren Leiter von „Exodus International“ am Mittwoch die Bühne der 38. Jahreskonferenz seiner Organisation betrat, wähnten sich die zahlreichen Konferenzteilnehmer noch am Beginn einiger interessanter Tage rund um ihr Thema – den Umgang von Christen mit Homosexualität. Viele von ihnen waren selbst schwul gewesen oder waren Angehörige von homosexuell empfindenden Menschen. Sie hofften wie jedes Jahr auf Geschichten von Veränderung, auf Vorträge über die sündhafte Natur von Homosexualiät und wie man durch Therapien und Gebet Menschen beim „Ausstieg“ helfen könne.
Was sie aber bekamen war etwas anderes. Chambers erzählte seine Geschichte: Wie er als Kind in der Kirche immer und immer wieder die Liste hörte, wer alles nicht das Himmelreich ererben würde, darunter und ganz zuvorderst Leute wie er – homosexuell Empfindende. Wie er sich seine ganze Jugendzeit lang verstellte und das Geheimnis seines Verlangens in sich verbarg. Wie er dann mit 19 völlig verzweifelt, unverstanden von seinen Mitchristen und gefüllt mit Selbstmordgedanken in Exodus einen Schutzraum fand, einen Ort, an dem er sich nicht verstellen musste. Wo er sein durfte, wer er war. Wo er viele andere traf, die genauso empfanden und die die gleiche Ablehnung erfahren hatten. Exodus war ein guter Ort und in dessen Schutz konnte er sich in Ruhe mit seinen Gefühlen auseinander setzen und mit dem, was sie für seinen Glauben hießen. Exodus habe im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben gerettet. Es habe ihn zu einer Gemeinde geführt, die anders war, als jede Gemeinde, die er bisher kennen gelernt hatte. Dort wurde ihm gesagt: „Komm, wie du bist, jederzeit und so oft du willst. Egal, wie du dich in dieser Frage entscheidest, du darfst hier sein – als ein Teil von uns.“
Chambers betonte, wie dankbar er für die Arbeit von Exodus sei, die für tausende homosexuell empfindende Christen ein guter Freund auf ihrem schwierigen Weg gewesen war. Exodus sei aus einer Kreativität heraus entstanden, die nur von Gott kommen konnte.
Sündenmanagement statt Zufluchtsort
Aber Exodus habe sich verändert. So viele gute Erfahrungen es mit Exodus gebe, so viele Horrorgeschichten gebe es auch, sagt Chambers. Über die Zeit sei Exodus zu einer Behörde für Sündenmanagement geworden. Exodus habe viele Menschen verletzt. Die Organisation sei vom Zufluchtsort zum Ankläger mutiert. Exodus sei genau das geworden, wovor es die Menschen am Anfang hatte retten wollen. Exodus sei der ältere Bruder geworden, der sich über die Sünden des Jüngeren beschwert, statt der Vater zu sein, der mit offenen Armen am Tor wartet, um seinen dreckigen Sohn in die Arme zu schließen. Gott hat lieber dreckige Kinder als gar keine, sagt Chambers.
Die Kirche müsse wieder Vater-Kirche sein, statt den großen Bruder zu spielen. Das aber bedeute viel Veränderung, zählt Chambers auf:
Wir kontrollieren Menschen dann nicht mehr. Wir sagen ihnen nicht mehr, wie sie zu leben hätten. Wir fühlen uns nicht mehr verantwortlich dafür, wie sie leben. Das ist nicht unsere Aufgabe. Denn wir sind nicht der Heilige Geist. Ich selbst bin nicht der Heilige Geist. Die Kirche ist nicht der Heilige Geist.
Veränderung sei die Aufgabe des Heiligen Geistes. Unser Auftrag sei es, die Wahrheit über den Reichtum von Gottes Liebe und Gnade zu bezeugen. Chambers hoffe, dass die Kirche einsehe, dass es nichts wichtigeres gibt als Menschen für Christus zu gewinnen – mit der Liebe Christi. Es sei dessen Freundlichkeit und Liebe, welche die Menschen bewegt.
Deshalb, so Chambers, habe die Leitung von Exodus International einstimmig beschlossen, die Organisation aufzulösen und einen neuen Dienst zu gründen: „Reduce Fear“ – „die Angst nehmen“. Ihr Ziel sei es, Kirchen zu helfen, „welcoming communities“ zu werden, ein englischer Ausdruck für Gemeinden, die Homosexuelle offen willkommen heißen.
In der Armee gäbe es das Phänomen, dass sich die meisten Soldaten nach Ende eines Kampfeinsatzes sehr schnell wieder neu für den Kampf zur Verfügung stellen, sagt Chambers. Sie seien so sehr an den Krieg gewohnt, dass sie gar nicht mehr wüssten, wie sie ohne einen Feind funktionieren sollten. Die Kirche Jesu sei an den selben Punkt gekommen – sie brauche einen Feind und wisse ohne einen nichts mehr mit sich anzufangen. Aber den Kampf gegen die Sünde zu lieben hieße, die Sünde zu lieben. Es bedeute, gar nicht siegen zu wollen. Denn was würden wir tun, wenn es soweit wäre?, so Chambers.
Und dann sagt Chambers die Kernsätze seiner Rede:
Für lange Zeit waren wir in einem Weltbild gefangen, das weder ehrenwert gegenüber unseren Mitmenschen noch biblisch war. Aus jüdisch-christlicher Sicht sind wir alle verlorene Söhne, egal ob schwul oder heterosexuell. Wir waren der ältere Bruder, der versucht hat, den Versprechen Gottes seine eigenen Vorstellungen aufzuzwingen und darüber zu urteilen, wer des Reiches Gottes würdig ist. Aber Gott ruft uns, der Vater zu sein, er ruft uns, jeden willkommen zu heißen und uneingeschränkt zu lieben. […]
Es ist Zeit für die Kirche, die Waffen niederzulegen. Wir haben die Gesellschaft bekämpft und haben verloren. Und wir haben aus gutem Grunde verloren. Denn es ist Zeit für Frieden. Wir sind doch selbst die Gesellschaft, die Gesellschaft besteht aus Menschen. Und Gott will nicht, dass wir Menschen bekämpfen. Wir möchten Versöhnung in unseren Kirchen sehen. Wir glauben, es ist an der Zeit, dass die Kirche ihre Türen weit öffnet, die Verachteten herein lässt und den geistlichen Flüchtlingen, die sie einst ausstieß, in ihr eine Heimat zu finden erlaubt. Damit wir alle gemeinsam wahrhaft verändert werden können.
In einer Krise fragen wir keinen, der unsere Hilfe braucht, ob er schwul oder hetero sei. Wenn wir jemanden in Not sehen, helfen wir ihm. Es wird Zeit für die Kirche, zu ihrer Aufgabe zurückzukehren, nämlich Menschen in Not zu dienen und sie zu lieben, anstatt darüber zu urteilen, ob sie der Hilfe wert sind. Es gibt nichts, was wir so dringend für Gott tun müssten, dass es die Verleugnung auch nur eines Aspektes der Christusähnlichkeit in unseren Leben rechtfertigen würde.
Ein mutiger Schritt
Die Ankündigung eines Kurswechsels kam nicht gänzlich unerwartet, denn schon seit Monaten ist die Organisation seitens konservativer Christen unter Beschuss, weil sie immer weniger scharfzüngig ihre Haltung gegen Homosexualität geäußert hatte. Stattdessen hatten Alan Chambers und die anderen Leitungsmitglieder begonnen, mehr und mehr die uneingeschränkte Liebe Gottes für alle Sünder zu betonen. Das ging vielen Mitstreitern bereits zu weit. Weil aber diese Menschen auch Teil des Exodus-Netzwerks waren, sah die Leitung die Selbstauflösung als einzig möglichen Weg an. Chambers vergleicht in seiner Rede Teile der Kirche mit dem Ring aus dem Herrn der Ringe – ein treuer Freund, aber ein destruktiver, etwas, von dem man irgendwann bewusst Abschied nehmen muss, um wieder leben zu können.
Einen solch radikalen Weg hatten sicher die Wenigsten erwartet. Dabei haben Chambers und seine Mitstreiter ihre Überzeugung in der Sache gar nicht einmal verändert. Sie erkannten lediglich für sich, dass es nicht unsere Aufgabe als Christen ist, Ankläger zu sein, dass wir nicht Menschen ihre Schuld vor Augen halten und sie zur Veränderung drängen sollten.
Es ist ein mutiger – und aus meiner Sicht guter – Schritt, der sicher noch lange für Diskussionen sorgen wird. Er zwingt im Grunde alle Organisationen und Individuen, die sich ähnlich wie Exodus positioniert hatten, Stellung zu ihrem Vorstoß zu beziehen. Verstehen und akzeptieren sie Argumentation und Beweggründe des Exodus-Leiterteams, dann müssten sie auch sich selbst und ihren Dienst radikal verändern. Lehnen sie beides ab, dann müssen sie dennoch im Schatten dieses Schrittes wieder neu erklären, wie sie dem Liebesgebot Jesu gegenüber dem Nächsten und sogar gegenüber den Feinden gerecht werden wollen.
Hierzulande ist die christliche Szene Gott sei Dank anders als in denUSA, wir sind hier sehr viel sachlicher und denken von vorn herein viel differenzierter. Aber trotzdem: Das Ende von Exodus wird alle mit diesem Thema befassten Christen sicherlich noch intensiv beschäftigen. Mal sehen, wie die Diskussion darüber hierzulande verläuft – und natürlich, wie ihr, liebe Leser, darüber denkt.
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