Ehebruch ohne Sex? Die (falsche) Angst vor außerehelicher Vertrautheit

Eine Predigt warnt davor, Freundschaften zwischen Frauen und Männern tiefer werden zu lassen als die Beziehung zum eigenen (Ehe-)Partner. Doch das ist falsch. Am Ende schadet die Angst den Freundschaften und der Ehe.

Sex und Betrug – der Stoff, zu dem man sich entweder auf dem Sofa lümmelnd genüßlich die Erdnüsse rein pfeift – oder eben das ganz reale Leben.

Mitte Oktober tauchte in den Sozialen Medien das Video einer Predigt aus der ICF München auf, einer bei jungen Christen ziemlich angesagten Freikirche. Die Predigt geht um zwei Menschen mit einer Affäre und ihre Entscheidung, ihre jeweiligen Ehen zu beenden, um fortan miteinander zu leben. Nur in diesem Fall ist es kein theoretisches Beispiel oder die Nacherzählung eines Hollywood-Schinkens, sondern eine ganz konkrete Situation unter zwei festangestellten Mitarbeitern der Gemeinde.

Die Predigt wird unter dem Youtube-Video und in Blogs hoch gelobt. Pastor Tobi Teichen legt in der Predigt die Situation offen, spricht über den aus seiner Sicht richtigen Umgang damit und verliert auch einige Worte über die Ehe selbst. Tobi bringt einige gute Aspekte, zum Beispiel, dass es nicht an uns liegt, mit Steinen zu werfen und das wir Jesus in den Mittelpunkt einer Krise stellen sollen, um Vergebung zu lernen. Spitze! Doch das generelle Bild, dass die Predigt von einer guten Beziehung zeichnet, das hat mich ziemlich betroffen gemacht.

Ich habe lange gezögert, etwas dazu zu schreiben. Mein Anliegen ist nicht ICF-Bashing und vermutlich war einfach einiges in der Predigt nicht ganz durchdacht oder durchformuliert (obwohl das bei ICF-Predigten unwahrscheinlich ist 😉). Aber die Predigt steht öffentlich im Internet und ich glaube, einige Punkte aus dieser Predigt sollten so nicht unkommentiert stehen bleiben. Schließlich sehen Menschen diese Predigt und richten sich womöglich danach. Aber ich sehe Ehe anders – und ich hoffe, viele andere von euch auch. Bisher ist mir keine Debatte über die Punkte aus der Predigt bewusst – aber die wäre nötig. Vielleicht kann ich sie hiermit anstoßen.

Anmerkung I: Es soll hier nicht um den Umgang der Gemeinde mit der Situation gehen – sie hat die Sache inklusive der Namen öffentlich gemacht und die beiden von ihren Aufgaben entbunden, ihre Jobs dürften sie los sein und ihren Ruf in der christlichen Szene auch. Auch wenn mich die Reaktion verwundert zurücklässt: Ich weiß nichts über die Vorgänge und die Hintergründe und es steht mir schon deshalb nicht zu, das zu bewerten. (Aber wenigstens die Namen sollte man vielleicht rauspiepen, liebe ICF…)

Anmerkung II: Ich verwende „Beziehung“ und „Ehe“ hier als Synonyme. Schließlich gilt das Gesagte für Beziehungen mit Trauschein genauso wie für Beziehungen ohne.

Was mich umtreibt sind die folgenden generellen Aussagen über Beziehungen, die Menschen in der Predigt nahegelegt werden. Über sie sollten wir dringend reden, weil sie vielleicht fromm klingen. In Wirklichkeit aber können sie Beziehungen zerstören.

Minute 19:44: „Die Ehe kann körperlich, seelisch und geistlich gebrochen werden.“

„Ein Ehebund, den Gott meint, besteht aus Körper, Seele und Geist. Du kannst die Ehe sexuell brechen, du kannst sie seelisch brechen, indem du mit einem Menschen des anderen Geschlechts eine tiefere Freundschaft hast als mit deinem Ehepartner. Und du kannst sie geistlich brechen, indem du mit einem Menschen des anderen Geschlechts eine intensivere geistliche Beziehung hast als mit deinem Partner.“ – Tobi Teichen

Natürlich – es ist möglich, eine Beziehung durch Sex mit jemand anderem zu brechen. Da die meisten von uns dem Konzept der Monogamie anhängen dürften ist die unausgesprochene Übereinkunft und Erwartung aneinander: Kein Eros außerhalb der Beziehung. Wird dieser Erwartung nicht entsprochen, fühlen wir uns (dann auch zurecht) betrogen.

Eine körperliche Grenzüberschreitung ist auch vergleichsweise genau nachvollziehbar, obschon der Graubereich groß ist: Für die einen sind zärtliche Berührungen unter guten Freunden ganz selbstverständlich, für die anderen ist das ein absolutes Tabu. Für die einen ist der Saunabesuch mit anderen als dem eigenen Partner völlig normal, für andere ist er undenkbar. Doch für die meisten ist spätestens ab dem Kuss Schluss mit der Toleranz.

Viel schwieriger – ja, eigentlich gar nicht – messbar ist jedoch der Grad der Annäherung auf seelischer oder geistlicher Ebene. Ist meine Freundschaft mit meiner Arbeitskollegin oder Sportpartnerin tiefer als mit meiner Frau? Habe ich eine tiefere geistliche Beziehung mit meinem Seelsorger als mit meinem Mann? Diese Fragen können nie beantwortet werden, weil sowohl Kriterien als auch Messwerkzeuge fehlen. Gerade das ist aber heikel: Denn wenn man es trotzdem versucht (oder es in einer Predigt regelrecht fordert), dann hat das fast zwangsläufig zwei Folgen:

Folge 1: Angst und Eifersucht – christlich legitimiert

Einerseits führt es zu einer permanenten latenten Angst (oder zumindest Sorge), wir könnten diese ominöse Grenze überschreiten. Wir fürchten unterschwellig ständig, dass unsere Beziehungen zu anderen Menschen seelisch oder geistlich enger werden könnten als die zu unserem Partner und gehen deshalb automatisch in eine Hab-Acht-Stellung, um es ja nicht dazu kommen zu lassen. Das ist besonders dann schwierig, wenn die Beziehung zum eigenen Partner gar nicht in allen Bereichen so tief ist. Und bei den wenigsten Paaren dürfte das der Fall sein. Welches Paar teilt schon alle Hobbys, Interessen und den beruflichen Alltag vollständig?

Gleichzeitig – und das ist noch viel destruktiver – führt es dazu, dass wir anderweitige Kontakte unseres Partners immer ein bisschen kritisch beäugen und Vergleiche anstellen: „Wie nah sie sich mit XY ist – so gut verstehen wir uns aber nicht.“ „Er will schon wieder zu AB, was findet er nur an ihr? Ist da mehr?“ Wenn man eine Grenze aufbaut, dann schielt man eben auch schon auf die Näherungen an sie. Im Grunde ist das Ganze nichts anderes als ein Aufruf zu christlich verbrämter Eifersucht.

Angst und Eifersucht aber sind Gift für Beziehungen – sowohl für die Partnerschaft als auch für unsere Freundschaften. Was macht es mit unseren Beziehungen zu Menschen jenseits unserer Partnerschaft, wenn wir ständig darauf bedacht sind, nicht zu eng miteinander zu werden, nicht zu vertrauensvoll, nicht zu tief? Wenn wir uns ständig ein schlechtes Gewissen machen, wenn wir merken, eine Beziehung zu einer anderen Person als unserem Partner wird tief, persönlich, seelisch intim?

Und wenn wir dazu stets leicht argwöhnisch darüber wachen, mit wem unser Partner Zeit verbringt und mit wem er ein wie intensives Verhältnis hat? Das macht es schwierig, gute und gesunde Beziehungen zu anderen Menschen des anderen Geschlechts aufzubauen.

Wir brauchen gute Beziehungen

Und wie sehr brauchen wir gute Beziehungen! Wir sind soziale Wesen, wir sind uns nicht selbst genug (oder sollten es zumindest nicht sein). Niemand von uns ist alleine vollständig. Wir brauchen gute Beziehungen zu anderen Menschen – auch gegengeschlechtliche. Schließlich sind wir als Männer und Frauen auf Ergänzung angelegt. Es ist so wichtig für uns, als Freunde miteinander zu lachen und zu weinen, voneinander zu lernen, einander nahe zu sein, einander zu tragen, einander zu vertrauen, sich geliebt zu wissen und gemeinsam die Welt zu bewegen! Nur so können wir aufblühen und das voll entfalten, was Gott in uns angelegt hat. Wir brauchen Andere als Gegenüber. Und: Das kann kein Mensch alleine leisten. Vielmehr glaube ich, viele der Probleme zwischen Männern und Frauen rühren daher, dass Männer und Frauen zu oft enge Freundschaften nur jeweils unter Ihresgleichen haben. Das verstärkt die Polarität, das verhindert allzuoft, ein Verständnis für die Andersartigkeit – aber auch für die Gemeinsamkeiten – der Geschlechter zu entwickeln.

Folge 2: Being Super(wo)man

Und damit kommen wir zur zweiten Folge: Es setzt Beziehungen unter einen enormen Druck. Denn schließlich legt es beiden Partnern die Verantwortung auf, sich gegenseitig alle geistlichen und seelischen Bedürfnisse zu erfüllen. Und das überfordert selbst die besten Partnerschaften und Ehen.

Denn niemand kann uns in allen Bereichen gleichermaßen berühren, herausfordern, verstehen und motivieren. Natürlich nicht, sonst wäre derjenige ein Übermensch. Und selbst die Ehe macht Partner nicht zu Übermenschen und Alleskönnern. Niemand ist auf allen Gebieten top. Jeder hat seine Stärken und seine Schwächen.

Und das ist auch gar kein Problem. Jede Beziehung basiert auf einer anderen Verbindung: Auf gemeinsamen Interessen, auf einer Seelenverwandschaft, auf körperlicher Anziehungskraft, auf was auch immer. Aber selten auf allem gleichzeitig. Paare können eine wunderbare, stabile Beziehung führen ohne miteinander tief über spirituelle Dinge reden zu können. Oder ohne ein einziges gemeinsames Hobby zu haben. Sie können auch tief verbunden und glücklich sein, ohne den leidenschaftlichsten Sex der Welt zu haben.

Ist die Partnerschaft deswegen schlecht oder defizitär? Nicht automatisch. Aber ein solch hoher Erwartungsdruck wie in der Predigt formuliert kann einer Partnerschaft genau das suggerieren und dadurch einen Frust erzeugen, der im Grunde gar nicht nötig wäre.

Um diesen Druck zu vermeiden empfehlen Christen oft, tiefe geistliche Gespräche und tiefe „seelische“ Freundschaften nur mit Menschen gleichen Geschlechts zu führen. Das klingt wie ein Ausweg, ist aber eine Mogelpackung:

Denn warum wäre eine tiefere geistliche oder seelische Beziehung zu einem Mann für mich als Mann keine Beeinträchtigung meiner Ehe, wenn eine tiefere geistliche oder seelische Beziehung zu einer Frau aber eine wäre? Was distanziert meine Frau mehr von mir, wenn sie mit einem anderen Mann eng befreundet ist, als es das täte, wenn sie mit einer Frau eng befreundet ist? Das tut es doch nur, wenn es am Ende eben doch vor allem um die körperliche Anziehungskraft geht – also um den guten alten Sex und die Angst davor, dass mein Partner mit jemand anderem in der Kiste landen oder mich gar ganz verlassen könnte.

Doppelt destruktiv

Diese christlich legitimierte Kombination aus Angst, Eifersucht und unerfüllbarem Erwartungsdruck ist doppelt destruktiv: Sie verhindert gute Beziehungen zu Menschen, die mein Leben (und auch meine Partnerschaft) bereichern könnten, und zerstört gleichzeitig meine Partnerschaft, weil sie die Vertrauensbasis infrage stellt, die lebensnotwendig für eine gesunde Beziehung ist.

Sie setzt den Paaren den Floh ins Ohr, ihre Beziehung sei ständig und von allen außerehelichen Kontakten – egal wie intensiv und von welcher Art sie sind – latent gefährdet. Als die einzigen beiden Wege, die Partnerschaft zu schützen, bleiben dann eine mehr oder minder rigorose Abschottung vor gegengeschlechtlichen Freundschaften und/oder die permanente Selbstoptimierung als Erfüller aller seelischen und geistlichen Bedürfnisse des Partners. Beides führt irgendwann zu Frust und Enttäuschung.

Partnerschaft lebt von Vertrauen

Der positive Gegenentwurf dazu ist für mich dieser: Partnerschaft basiert auf Vertrauen. Vertrauen, dass wir ehrlich zueinander sind. Dass wir uns aufeinander verlassen können. Dass wir die gemeinsamen Absprachen einhalten. Vertrauen, dass wir aber auch ohne gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen darüber reden können, falls wir sie doch mal ein bisschen arg gedehnt haben. Vertrauen, dass wir zueinander und zu unserer Liebe stehen. Und auch, dass wir einander ehrlich sagen können, wenn uns eine andere Beziehung als die eigene eben doch zu tief und zu weitgehend wird. Das ist eine Partnerschaft, die sich nicht an Grenzen orientiert, sondern an ihrem Mittelpunkt: Der Liebe zueinander.

Das erfordert natürlich, im Gespräch miteinander zu bleiben – etwas, was viele Paare nie gelernt oder irgendwann verlernt haben. Und es erfordert die Offenheit, überhaupt erst miteinander über die gemeinsamen Grenzen ins Gespräch zu kommen. Und ja, es bedeutet auch, das Risiko in Kauf zu nehmen, dass der Partner doch zu eng mit jemand anderem wird, sich sogar in jemand verliebt und sich im schlimmsten Fall die eigenen Wege trennen. Aber hey, seit wann verhindert Eifersucht, dass wir Gefühle für andere Menschen entwickeln? Seit wann verhindert Protektionismus Seitensprünge? Die Realität zeigt ja: Es passiert – davor ist selbst die beste Beziehung nicht gefeit. Und auch wenn dann manchmal eins zum anderen führt und aus harmlosen Intimitäten die heiße Nacht im fremden Bett wird, wovor in der Predigt Angst gemacht wird, als sei das ein Automatismus: Dann doch lieber immer im Gespräch bleiben, die eigene Beziehung pflegen und sich vertrauen, statt sich zu misstrauen. Und zu wissen, dass wir vertrauensvoll miteinander reden können, bevor wir zu weit gegangen sind und wir die gemeinsam gesteckten Grenzen eben doch überschritten haben.

Wenn wir den Mut dazu haben, dann schenken wir einander Freiheit. Die Freiheit, dass wir uns jeweils entwickeln und wir aufblühen können, dass wir gute Freundschaften aufbauen und damit wiederum unsere eigenen Partnerschaft bereichern können. An die Stelle der ständigen Angst, einander zu verlieren, tritt dann die Freude zu sehen, wie wir beide wachsen und reifen und immer mehr zu den Persönlichkeiten werden, die in uns angelegt sind. Und wir lernen viel leichter interessante Menschen kennen. 🙂

In der Liebe ist keine Angst, schreibt Paulus. Und Angst ist auch kein gutes Mittel, um Ehen stabil zu machen. Aber Liebe, Freiheit und Vertrauen sind es.

zu Teil 2: So wird deine Beziehung total garantiert ganz doll erfolgreich! 😍 (oder auch nicht 🤔)

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