In den USA werden immer mehr Dienste populär, die unter dem Stichwort „Accountability“ (Verantwortlichkeit) sicheres surfen im Web versprechen. „Sicher“ heißt in diesem Fall vor allem: pornofrei. So bietet die Buchhandelskette „Family Christian Stores“ einen Tablet-PC mit einem gefilterten Webbrower an. Und die Firma Covenant Eyes vertreibt eine Filtersoftware, mit der man sich „verantwortlich“ zeigt gegenüber einem oder mehreren anderen Menschen, sprich: Jede Website, die ich besuche, wird in einem regelmäßigen Report an andere Personen meiner Wahl gesendet. Durch diese von mir bewusst eingerichtete Fremdkontrolle werde ich – so die Theorie – daran gehindert, „böse“ Webseiten anzusehen.
Abgesehen davon, dass ich Mittel und Effekt für fragwürdig halte, stößt mir ein beworbenes Anwendungsgebiet der Software ganz besonders auf: „Family control“. Die Eltern richten ihren Kindern auf deren Computern einen gefilterten Internetzugang ein und werden über jede Bewegung ihrer Sprösslinge im Web informiert – selbst über Tastatureingaben! Das gläserne Kind im Namen der moralischen Reinheit. Die Eltern hätten, so der Werbespot, volle Kontrolle über die Onlineaktivitäten ihrer Kinder und hätten „jede Woche interessante Gespräche über das, was die Kinder online gesehen haben“. 1984 wird für diese Kinder wahr.
Ja, wir wissen, dass die Amerikaner mit Überwachung weniger Probleme haben als wir. Ich kenne aber auch in Deutschland Menschen, die sich nach solch einer Software sehen, weil ihr enger Glaube überfordert ist, mit dem Thema anders umzugehen als den Kopf in den Sand zu stecken.
Die Frage ist: Rechtfertigt der Wunsch nach einem Leben jenseits aller Versuchungen wirklich eine Totalüberwachung von Minderjährigen? Wiegt der (berechtigte) Wunsch nach Schutz der Kinder vor den Gefahren des Webs schwerer als die Tatsache, dass die nächste Generation von Anfang an an die Selbstverständlichkeit von Überwachung und Fremdbestimmung gewöhnt wird? Ist es wichtiger, Kinder vor schmutzigen Filmchen zu schützen als sie einen verantwortungsbewussten, selbstbestimmten Umgang mit dem zu lehren, was ihnen (nicht nur) im Internet begegnet? Ist es angemessen, den Nachwuchs vor körperlicher Nacktheit mit emotionaler Nacktheit zu schützen? Und ist es realistisch zu glauben, Kinder würden keine eigenen Mittel und Wege finden, diese Dinge im Web zu besorgen (eben noch verbotener und mit noch schlechterem Gewissen und am Ende der handfesten Befürchtung, Gott würde sie deswegen hassen)?
Natürlich nicht.
Ach ja, und da war ja auch noch das hier…
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