Für viele Schlecker-MitarbeiterInnen sieht es schlecht aus: 11.000 von ihnen werden heute ihre Kündigung im Briefkasten vorfinden. Und damit vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben vor dem beruflichen Nichts stehen. Wie geht es weiter? Finden sie einen neuen Job? Sollen sie dafür umziehen? Reicht das Familiengeld auch ohne das Einkommen? Was tun?
Ihr kennt sicher alle dieses dringende Gefühl, dass euer Leben gerade dabei ist, sich vollständig zu verändern. Manchmal ist das eine traumhaft schöne Situation („Ist das die richtige Frau für’s Leben? Soll ich sie fragen? Und wird sie Ja sagen?“), manchmal eine neutrale („Soll ich in meinem sicheren Job bleiben oder etwas Neues anfangen, für das mein Herz schlägt?“) und manchmal ist eine anstehende Entscheidung von einer echten Not getrieben („Ich streite mich immer mit dem-und-dem, das kann so nicht weiter gehen! Etwas muss sich verändern, sonst kommt es zum Clash.“)
Manchmal werden wir also akut in einen Zwang zur Entscheidung geworfen, manchmal ist es eher ein schleichender Prozess, eine Ahnung, dass bald eine Veränderung gut wäre. Das Problem daran ist meist: Wir wissen (noch) nicht, was richtig wäre und wie es dann weiter geht. Selten liegen die Konsequenzen unserer Entscheidung klar auf der Hand. Eher fühlen wir uns wie blind, wie wenn uns tiefste Nacht umhüllt und wir das Gefühl haben, keinen Meter weit sehen zu können. Ist da was? Kommt da was Gutes auf uns zu oder etwas Schlimmes? Werden wir das durchstehen? Und welche Richtung sollen wir einschlagen? Manchmal sind es die kleine Dinge, die uns so den Nerv rauben. Manchmal sind es richtig große Entscheidungen, die unser Leben völlig umkrempeln werden. Davor haben die meisten von uns Angst.
Mitternacht
Shane Hipps hat letzte Woche in seiner Predigt über das Buch Ruth genau dieses Thema angesprochen. In der Schlüsselszene des Buchs in Kapitel 3 schlüpft Ruth mitten in der Nacht zu ihrem entfernten Verwandten Boas unter die Decke und bittet ihn, sie zu heiraten.
Kleiner Exkurs: Die Ausleger sind sich uneinig, ob in diesem Zusammenhang die benutze Beschreibung („…deckte seine Füße auf und legte sich dort nieder…“) euphemistisch formuliert ist oder nicht. An anderen Stellen wird das Wort sakab (legen) eindeutig zweideutig verwendet (z.B. Gen. 19,32). Aber es könnte auch sein, dass die Betonung der Füße deutlich machen soll, dass sie eben dort geblieben war. Was auch immer Ruth und Boas auf dem Heuboden angestellt haben – Boas war es nicht unrecht („bleib die Nacht hier“), aber er war sehr darauf bedacht, dass sie ging, bevor man sie im Morgengrauen erkennen konnte (V. 14). Nicht ohne Grund. Die Situation war in jedem Fall hochbrisant und hatte das Zeug zu einem handfesten Skandal. Auf ein Schäferstündchen stand die Steinigung – und man recherchierte da sicher nicht lange, um den ersten Anschein zu widerlegen.
Wie auch immer: Die Wendung „mitten in der Nacht“ (oder um „Mitternacht“) ist in der Bibel ein geflügeltes Wort. Wenn dieses Wort benutzt wird, geht es meist nicht einfach nur um die Nacht. Es geht um Weichenstellungen in unserem Leben, einen Wendepunkt, an dem sich etwas Grundlegendes verändert. Momente, die vollgepackt sind mit ungeheurer Erwartung und großer Unsicherheit. Es wird sich etwas verändern – es wird gefährlich und riskant, und du wirst danach nie wieder derselbe sein. Um Mitternacht kämpfte Jakob im Fluss mit Gott. Um Mitternacht kam der Todesengel zu den Ägyptern und tötete alle Neugeborenen, ein Moment ungeheurer Angst und gleichzeitig großer Hoffnung. Um Mitternacht entkam Simson dem Tod in Gaza. Um Mitternacht kam der Bräutigam und überraschte die zehn Jungfrauen mit ihren Lampen – denen ohne Öl ging es dreckig, die mit Öl konnten feiern.
Den Lesern des Buchs Ruth signalisierte dieses Wort: Hier ist etwas sehr bedeutungsschweres im Gange. Eine große Entscheidung steht an, es wird sich viel verändern.
Mitternacht ist der Punkt, an dem es am dunkelsten ist. Die Dämmerung rückt näher – aber es gibt eine große Ungewissheit, wie die Welt dann aussehen wird. Dass die Bibel dieses Bild für unsere großen Lebensentscheidungen und Wendepunkte benutzt, entspringt der uralten und ureigensten Menschheitserfahrung, dass Entscheidungen nie einfach sind und die Nacht sich oft erst danach hebt.
Die Nacht durchstehen
Wie gehe ich nun mit solchen Situationen um? Ich sehe nur Dunkelheit, irgendetwas wird sich verändern, aber ich weiß nicht was, ich weiß nicht wie und vor allem weiß ich nicht, wie ich entscheiden soll. Shane gibt folgende hilfreiche Anregungen:
[dropcap2]1[/dropcap2] Wenn wir uns mitten in der Nacht befinden, dürfen wir wissen: Dunkelheit ist völlig normal! In der Nacht ist die Sonne nicht da – Dunkelheit ist die Natur der Nacht. Wenn du nicht weißt, was du tun sollst und welcher Weg der beste ist – kein Problem! Es ist normal, es ist für dich noch nicht vorgesehen, es zu wissen. Schelte dich also nicht selbst dafür, wenn du die Antwort auf die Frage noch nicht weißt. Bleib gespannt, aber mach dir keine Sorgen deswegen. Es ist ok, es ist normal, noch nichts zu sehen.
[dropcap2]2[/dropcap2] Keine Panik! Die Nacht wird vorübergehen. Das Schöne an Mitternacht ist: Es bleibt nicht Mitternacht. Es liegt in der Natur der Erde, sich zu drehen, und so wird die Sonne in jedem Fall wieder aufgehen. Das gilt auch für unsere persönliche „Nacht“. Es liegt eine große Verheißung in diesem Bild: Die Nacht wird vorbei gehen. Hab keine Angst, dass es immer dunkel bleibt.
[dropcap2]3[/dropcap2]Konzentriere dich auf die wichtigen Dinge! Die Versuchung ist groß, auf die unheimlichen Geräusche um dich herum zu hören und aufzustehen und nachzugucken, was da ist. Wer in der Dunkelheit aufsteht, kann seine Birne an vielen Dingen stoßen. Bleib ruhig. Lass um dich herum passieren, was immer auch passiert. Fokussiere du dich darauf, was für dich gerade dran und zentral ist. Jesus hat das wunderbar ausgedrückt, als er sagte: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch alles andere zufallen. Wenn es dunkel um uns herum ist und wir nichts sehen, sollten wir nicht blind herum rennen und uns blaue Flecken holen, sondern uns um so mehr auf Gott konzentrieren. Jesus verknüpft das mit dem festen Versprechen: Wenn wir das tun, wird für den Rest ebenfalls gesorgt sein.
[dropcap2]4[/dropcap2] Und zuletzt: Wie auch immer du dich irgendwann entscheidest – es wird letztendlich in Ordnung sein. Beherzige die ersten drei Punkte und dann entscheide dich. Und egal wie du dich entscheidest – es wird letztendendes alles ok sein. Vielleicht wird der eine Weg härter sein als es der andere gewesen wäre. Und du musst sicher die Konsequenzen deiner Entscheidungen tragen – auch die unangenehmen. Aber am Ende wird es gut sein.Woher wir das wissen können? Weil wir einen Gott haben, der uns liebt. Und der das Beste für uns will. Und der uns nicht los lässt, egal, wohin wir gehen. Die Geschichte von Ruth und Boas ist eine Geschichte voller Hoffnung, Freiheit und Schönheit – obwohl sie durchzogen ist von vielen extrem dummen Entscheidungen. Egal, was du getan hast oder nicht getan hast: Du kannst Gott nie müde machen, dich zu lieben. Er ist nicht wie wir. Wir schmeißen irgendwann hin, wenn es der andere zu sehr verbockt hat. Uns reißt der Geduldsfaden – Gott nicht.
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