Abendmahl – eine antiseptische Karikatur?

Auf der Buchmesse habe ich die „Männerbibel“ von Richard Rohr am Kösel-Stand entdeckt (während ich es durchblätterte trug ein dicker, wahrscheinlich selbst bierbrauender Priester auf einem zu kleinen Sofa sitzend mit einem zu kleinen Telefon am Ohr gerade lautstark viele Grüße seines Bischofs an seine Gesprächspartner aus).

Eigentlich ist es gar keine Männerbibel, sondern ein Andachtsbuch mit 366 Miniabschnitten aus Richards Vortragsleben. Wenn mir etwas Interessantes darin begegnet, dann werde ich es hier posten.

So wie heute:

Die Eucharistiefeier [Anm.: Rohr ist katholisch] ist hingegen zu einer antiseptischen Karikatur des ursprünglichen Abendmahls geworden […]. Das lenkt ab vom eigentlichen Geschehen.

Sicherlich gilt Rohrs Kritik gleichermaßen für das katholische wie das evangelische Abendmahlsritual. In der Tat haben beide Liturgien nicht mehr viel mit dem gemein was an diesem denkwürdigen Abend vor Jesu Tod im Kreis der zwölf Jünger und Jesus geschah. Verwunderlich ist das nicht, denn generell sind in unserer Kultur Symbole zu einem reinen Erinnerungswerkzeug degeneriert.

Symbole erinnern uns heute daran, nicht falsch zu parken oder die richtige Tür zu nehmen. Kraftvolle symbolische Handlungen sind in unserer wort-dominierten Welt so gut wie ausgestorben. Stattdessen schreiben wir lieber Essays und Blogeinträge, um unsere Sicht auf die Welt zu verdeutlichen.

Von der archaischen Kraft, die das Symbol oder auch die symbolische Handlung im Orient hatten (und immer noch haben), ahnen die meisten Mitteleuropäer gar nichts. Wenn ein Mensch trauerte und dabei seine Kleider zerriss, wie es uns oft in der Bibel berichtet wird, dann war das nicht unkontrollierte Zerstörungswut, sondern eine Botschaft: Das zerrissene Kleid spiegelt das zerrissene Innere wieder, der Zustand der Seele wird auch außen deutlich. Dabei entsteht eine geheimnisvolle Einheit zwischen dem Innerem und dem Äußerem eines Menschen, das auch ein Beitrag zur Verarbeitung seien kann. Im gleichen Sinn ist auch die Taufe eine Zeichenhandlung, in der viel mehr steckt. Es ist natürlich erstmal nur ein äußeres Symbol, aber das Geheminis liegt in dem, was dabei tatsächlich mit dem Getauften passiert. Etwas für uns nicht so leicht Beschreibbares.

Einen flüchtigen Blick auf dieses Geheimnis kann man in den Berichten von der Nacht erhaschen, bevor das Volk Israel aus Ägypten auszog. Die Israeliten sollten ein Lamm schlachten und mit dessen Blut die Pfosten ihrer Türen bemalen. In dieser Nacht dann ging „der Engel des Herrn“ durch das Land und tötete alle erstgeborenen Söhne – außer in den Häusern, die mit dem Blut des Lammes angestrichen waren.

Abgesehen davon, dass die Geschichte ziemlich schaudrig ist, war das Bemalen der Pfosten in der Erzählung nicht nur eine Symbolhandlung. Es war auch nichts magisches, aber es hatte trotzdem ganz konkrete Auswirkung für die, die sie durchführten. Es war ein Zeichen, aber es war viel mehr als das. Die Menschen machten ihr Schicksal an diesem Zeichen fest.

Als Jesu diese Symbolik im letzten Passahmahl (das ja an dieses Ereignis erinnert) aufnimmt und neu deutet, in dem er es auf sich bezieht, war das für Jesu Zeitgenossen ein sehr tiefes Symbol. Und die Ereignisse der nächsten Stunden haben das dann eindrücklich in die Realität geholt.

Wir werden das als Mitteleuropäer nie so ganz auf die Kette kriegen, glaube ich. Aber dass wir das Abendmahl zu einer Zeremonie voller Distanz gemacht haben, ist sicherlich ein wenig schade.

Wie läuft bei euch das Abendmahl ab? Habt Ihr besondere Formen, die dem Ursprung etwas näher kommen und die tiefe Symbolik besser transportieren?

P.S. (16:30 Uhr): Habe das Zitat gegenüber der usprünglichen Artikelfassung gekürzt – der weitere Abschnitt trägt nichts erhellendes zu diesem Thema bei und ist so aus dem Zusammenhang gerissen sehr schwierig.

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