Römer 1: Brutzeln alle Menschen in der Hölle, die nie von Jesus gehört haben?

Ich habe gerade das Buch „Hölle light“ von Francis Chan (fürs Schreiben zuständig) und Preston Sprinkle (theologischer Support) zu Ende gelesen. Auf Deutsch ist es dieses Jahr bei Gerth Medien erschienen. Abgesehen davon, dass man das Buch kaum zur erbaulichen Literatur zählen kann, eher zur deprimierenden, empfinde ich die theologische Argumentation an vielen Stellen sehr einseitig. Man hat das Gefühl, Chan hatte bereits vor der Beschäftigung mit dem Thema für dieses Buch eine feste Meinung, die er nun nur noch darlegt und für die er sich die Bibelstellen zurecht sucht. Seine Grundannahme von Gott scheint mir sehr negativ geprägt zu sein. Gottes Liebe kommt so gut wie nicht vor. Dass Chan auf jeder zehnten Seite betont, wie zerknirscht er angesichts dieser harten „Wahrheit“ ist, die er dem Leser um die Ohren hauen muss, macht ihn irgendwie nicht glaubwürdiger.

Die beiden Autoren bringen zwar einige interessante Thesen ans Licht und betreiben eine intensive, teils aufschlussreiche Quellenarbeit. Aber insgesamt lässt das Buch Sachlichkeit vermissen. Mit Bibelstellen wird zwar nur so um sich geworfen.  Aber das Buch ist dabei derart treibend und bedrängend formuliert (einen Eindruck von Chans Art kann man sich in diesem Video verschaffen), dass man die vielen theologischen Unebenheiten beim normalen Lesen gar nicht so richtig wahr nimmt. Und nach meinem Empfinden sind da so einige.

Ein Beispiel finde ich besonders eklatant: Chan zieht Römer 1, 18ff als Beleg heran, dass jeder Mensch, der nicht Jesus als seinen persönlichen Retter in einem bewussten Akt angenommen hat, von Gott mit dem ewigen Höllenfeuer bestraft wird. Also auch Menschen, die nie etwas von Jesus gehört haben, weil sie vor Jesus lebten oder sie die Kunde von Jesu Tod und Auferstehung auf wundersame Weise nie erreicht hat (gab halt weder Bibel noch Missionare im 3. Jahrhundert in Australien – Pech gehabt!).

Der Text lautet folgendermaßen:

18 Der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.
19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart.
20 Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar.
21 Denn sie haben Gott erkannt, ihn aber nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt. Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.
22 Sie behaupteten, weise zu sein, und wurden zu Toren.
23 Sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern, die einen vergänglichen Menschen und fliegende, vierfüßige und kriechende Tiere darstellen.
24 Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, sodass sie ihren Leib durch ihr eigenes Tun entehrten.

Also in Kurzform: Durch die Schöpfung ergibt sich Gott als Gott zu erkennen und offenbart sein Wesen. Wer das erkennt und trotzdem nicht darauf reagiert oder sogar die Schöpfung selbst als Gottheit anbetet, der hat keine Entschuldigung, sondern ist dem gerechten Zorn Gottes ausgeliefert. (Der zeigt sich übrigens hier gar nicht in Form einer Hölle, sondern „nur“ darin, dass die Menschen schlechte Dinge tun und sich selbst  und sich gegenseitig schaden. Schon allein deshalb ist die Stelle denkbar ungeeignet für Chans Argumentation. Aber das ist ein anderes Thema.) 

Auf die Frage, wie es sich mit Menschen verhält, die noch nie von Jesus gehört haben, zieht Chan aus diesem Text die Antwort: Alle werden sie in der Hölle landen, weil da ja steht, dass sie alle dem Zorn Gottes verfallen.

Wirklich nachvollziehbar ist diese Logik für mich nicht, wenn man die Zielrichtung des Textes ernst nimmt. Ich ziehe aus dem Text genau den gegenteiligen Schluss: Weil Gott sich in der Schöpfung offenbart und sein Wesen daraus erkennbar ist, kann sich auch jemand, der nichts von Jesus gehört hat, in Gottes Arme geben.

Anhand der unendlich liebevollen und ausgefeilten Art, wie alles um uns herum gemacht und aufeinander abgestimmt ist, kann man bei offener, ehrlicher und rationaler Betrachtung nur zu dem Schluß kommen,

  1. …dass es einen Gott geben muss.
  2. …dass er freundlich, phantasievoll und voller Liebe für seine Menschen ist.
  3. …dass in dieser wunderbaren Schöpfung etwas durcheinander geraten ist – sich etwas Böses eingeschlichen hat – dass die Beziehung zwischen Schöpfung und Schöpfer nicht mehr so ist, wie sie eigentlich sein sollte. Die Kluft zwischen Gott und Mensch ist überall offenbar.

So ist auch Paulus Argumentationslinie, die er in Kapitel 2, 14ff beendet:

13 Denn vor Gott sind nicht gerecht, die das Gesetz „hören,“ sondern die das Gesetz „tun,“ werden gerecht sein.
14 Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz.
15 Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen –
16 an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus Jesus richten wird, wie es mein Evangelium bezeugt.

Diesen Text ignoriert Chan vollständig und versteht deshalb auch Römer 1,18ff falsch. Welchen Sinn würde es auch machen, wenn Gott Menschen verurteilt aufgrund einer negativen Reaktion auf diese Offenbarung, aber gleichzeitig auch die verurteilt, die positiv darauf reagieren? Das würde ja heißen: Gott zeigt sich den Menschen, aber egal was sie tun – er verurteilt sie, auch wenn sie von ihren bösen Wegen umkehren und sich Gott zuwenden. Nur weil sie das Pech haben, zu einer Zeit oder an einem Ort gelebt zu haben, die oder der noch nicht christlich erschlossen war (oder einfach keinen getroffen haben, der ihnen das Evangelium erklärt, das kann einem auch in Deutschland im Jahr 2012 passieren). Schon ein sehr zynisches Gottesbild. Mir scheint, Jesus zeichnet Gott anders.

Ich habe noch nicht alle anderen Argumentationslinien Chans genau geprüft (weiß auch gar nicht, ob ich Lust dazu habe), aber Argumentationen wie diese lassen mich befürchten, dass es eine ordentliche Zahl von Bibelstellen gibt, die Chan und Sprinkle sehr eigenwillig auslegen.

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