Digitaler Pranger: Wie man schnell mal ein Menschenleben zerstört

Liebe Followers, eben erreichte mich folgende Facebookmail : [hier stand der volle Name], wohnhaft in [hier stand ein Ort] schrieb:“ Willst du mal einen schönen Schw*** sehen, Gerade geduscht und frisch rasiert.“ Zusätzlich hat er noch eine Datei mitgeschickt, die ich nicht öffnen werde.

NEIN HERR [Name], ich möchte weder Ihr Geschlechtsteil,noch die Geschlechtsteile anderer Fans sehen.

Anzeige folgt.

Diesen Eintrag sendete Hochsprung-Europameisterin Ariane Friedrich letzte Woche an ihre damals* 10.000 Fans bei Facebook. Ihr Ziel: Den Namen des vermeintlichen Perverslings in den Cyberspace zu katapultieren, wohl als Abschreckung für andere . Dass diese vier Zeilen ihren eigenen Namen in fast alle Blätter der Republik katapultieren würden, hätte sie wohl nicht gedacht.

Für ihre Aktion bekommt die Sportlerin viel Beifall (8.000x „gefällt mir“ auf diesen Eintrag) – aber auch viel Kritik. Was problematisch an ihrer Vorgehensweise ist, liegt auf der Hand: Bei der Anmeldung bei Facebook muss sich niemand ausweisen. Jeder kann sich als Hans Dampf, Helmut Kohl oder Ariane Friedrich anmelden. Nichts belegt, dass hinter dem Profil von XY auch wirklich ein XY steckt. Und selbst wenn: Es gibt in Deutschland – das haben eifrige Hobbydetektive sofort herausgefunden – mehrere mit diesem Namen, sogar mehrere, die in dem von Friedrich genannten Ort leben. Ob einer von ihnen der Absender der obszönen Nachricht ist? Oder ob der Account nicht einfach von einem halblustigen Zeitgenossen gekapert wurde, weil jemand den Namen seines Hundes als Passwort hat(te)?

Die Bestsellerregale unserer Buchhandlungen sind voll von Romanen, die sich um das finstere Mittelalter mit seinen schnellen Anschuldigungen und Verurteilungen ranken. Warst du unbeliebt (und im Idealfall noch rothaarig), hast du dich schnell auf einem Scheiterhaufen wiedergefunden. Einfach so – der Mob will beruhigt werden. Die Aufklärung hat da zwar einiges an Arbeit geleistet, aber tief drin im Menschen steckt er offensichtlich doch noch, der Drang nach dem schnellen Urteil. Ist ja auch sehr bequem. Diejenigen, die Ariane Friedrich so überschwänglich danken, dass sie es „dem Kerl so richtig gezeigt hat“, denken ziemlich kurz. Was, wenn sich mal jemand unter ihrem Namen bei Facebook anmeldet und Mist baut?

Scheiterhaufen 2.0

Es macht mir wirklich Sorgen, wie einfach heutzutage Menschen auf Verdächtigungen oder sogar eine Kampagne hereinfallen. Klar, das war schon immer ein Problem, aber empfinde ich es heute nur als stärker, weil ich es direkter mitbekomme? Unsere Medienwelt ist so schnell geworden, dass Geschwindigkeit mehr wiegt als fundierte Information. Wir konsumieren ja auch so viel davon, dass es auf eine mehr oder weniger richtige nicht ankommt. Vielleicht konsumieren wir Informationen manchmal auch nur um des Konsums von Informationen willen. Informationen verbreiten sich heute in einer solch rasenden Geschwindigkeit und auf so vielen Wegen parallel, dass es kaum möglich ist, eine Falschinformation zurückzuholen.

Überhaupt ist die Quellenvielfalt ein großer Beförderer der Gerüchteküche. Wo wir früher im Fall des Falles ein Loch zu stopfen hatten, schießt die selbe Information heute aus so vielen Quellen gleichzeitig (man beachte nur mal die Zahl der Artikel zu einem beliebigen Thema bei Google News), dass man im Leben nicht hinterher käme, sich um jede einzelne zu kümmern. Hat früher der Spiegel eine falsche Information veröffentlicht, wurde das halt in der nächsten Ausgabe korrigiert oder eine Gegendarstellung gedruckt. Aber ist heute eine Information erst einmal in Facebook, dann weiß es die halbe Welt. Und des Journalisten liebster Sport ist zu gucken, was der Mitbewerber gerade bringt – um es dann selbst zu tun. Da geht es um Minuten. Mit Folgen: Heute versammelt sich schon mal ein Mob vor einer Polizeiwache und fordert die Herausgabe des – wie sich gern zu spät herausstellt – zu Unrecht Verdächtigten.

Gossip + Google = „Aus die Maus“

Zusammen mit den Menscheitsdauergedächtnissen Google, Bing und Co. ergibt sich da ein brisanter Cocktail. Wer früher als Hexe verfolgt wurde, konnte wenigstens ins nächste Dorf ziehen. Heute wird man einen digital fixierten Makel (von wegen digital ist flüchtig!) kaum wieder los. Etwas Negatives bleibt immer hängen. „XY…, als erstes mal googeln“, murmelt der Personalleiter von heute und findet sehr schnell die Beschuldigungen von Friedrich. „Oh, eine obszöne Nachricht an eine Sportlerin? Ob das wirklich stimmt? Egal, ich gehe lieber kein Risiko ein mit so einem.“ Bähm!

Das das nicht häufiger passiert, verwundert fast ein wenig. Wie einfach wäre es, im Namen eines unbequemen Kollegen eine anzügliche Mail an die Geschäftsführerin zu schreiben. Schüler beherrschen diese „Kunst“ schon aus dem FF: Die Seite iShareGossip.com hatte im vergangenen Jahr bis zu ihrer Kaperung durch Hacker so manchen Teenager in psychologische Behandlung getrieben.

Gerade in frommen Kreisen, die auf bestimmte Attribute wie „richtige Lehre“ oder „sexuelle Reinheit“ bei ihrem Führungspersonal besonderen Wert legen, wäre eine Verleumdungsattacke gegen einen missliebigen Pfarrer oder Funktionär sicherlich ziemlich übel. Und ob Christen der Versuchung des Gerüchts weniger erlegen sind als der Rest der Welt?

Wie dem begegnen?

Ich frage mich, wie es möglich ist, solche falschen Gerüchte zu erkennen und ihnen keinen Vorschub zu leisten. Das ist ja gerade für die publizistisch wirkende Zunft wichtig, zu der jeder Blogger gehört. Aber in Zeiten von Social Media ist eh jeder Publizist, ob er damit umgehen kann oder nicht. Natürlich steht Journalismus immer in der Spannung zwischen dem Persönlichkeitsschutz von Menschen und dem Verfassungsauftrag, Korrektiv der Mächtigen zu sein. Es ist deshalb stets ein Abwägen und eine Gratwanderung. Was, wenn schon andere Medien über etwas berichten – verstärke ich mit einer eigenen Erwähnung das Gerücht oder kann ich eine ausgleichende Position wahrnehmen? Und was ist sachdienlich? Oft nicht ganz einfach. Mir fallen drei Punkte ein, die helfen könnten:

[dropcap2]1[/dropcap2] „Im Zweifel für den Angeklagten“ – Was schon den alten Griechen lieb war, sollte uns heute teuer sein! Kein Vorwurf, der uns zu Ohren kommt, sollte in Umlauf gebracht oder verstärkt werden, solange nicht belegt ist, dass er stimmt. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber irgendwie hält sich keiner dran. Übrigens ist auch ein „Medien berichten, dass XY dies und das getan hat aber XY dementiert es“ im Allgemeinen keine gute Idee. Das Dementi macht die Verbreitung des Gerüchts nicht rückgängig.

[dropcap2]2[/dropcap2] Entschleunigung! Wir sind so darauf getrimmt, alles ganz schnell und sofort zu erfahren, so dass den Medien selten Zeit bleibt, eine Meldung zu überprüfen. Ich nehme uns da bei Jesus.de nicht aus: Wir sind personell nicht so besetzt, dass wir jede einzelne Information zum Beispiel eines Pressedienstes oder anderer Quellen noch mal genau überprüfen könnten (ist ja auch meist nicht nötig). Aber trotzdem besteht auch an uns ein hoher Anspruch an Aktualität. Ich bin froh, dass wir wenig mit Enthüllungsgeschichten zu tun haben. Und wenn mal doch: Sich selbst zur Langsamkeit = Sorgfalt zwingen! Der gute Ruf des anderen (und unser eigener) sollte uns das Wert sein.

[dropcap2]3[/dropcap2] Für unsere Rolle als Medien-Rezipient und Per-Klick-Teiler: Nicht alles glauben, was geschrieben steht! Immer den eigenen Kopf anschalten! Überlegen: Kann eine Verwechslung vorliegen? Hat derjenige, von dem wir die Information haben, alles wirklich richtig verstanden? Hat er überhaupt Ahnung von dem Thema? Was kann passieren, wenn wir diese Information teilen? Dient es dem Guten? Der Fromme mag sich fragen: Dient es der Ehre Gottes?

Vielleicht habt Ihr noch weitere Tipps? Wenn wir nur diese drei beherzigen würden, wäre glaube ich schon an so mancher Stelle geholfen.
*lt. Aussage von Kommentatoren auf ihrer FB-Seite

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